Meditation oder Gebet sollen das Bewusstsein hinter die fünf grobstofflichen Sinne zurückziehen, um dort die Einheit mit dem Göttlichen zu erfahren. Es gibt aber noch einen anderen Weg, den Weg des Tantrikers. Der Tantriker weiß um die wahre Bedeutung, der menschlichen Wünsche und Begierden, er kennt die Bindungskraft seiner Sinne und macht sie sich bewusst zunutze. Unsere Wünsche und Begierden, vor allem der sexuelle Trieb, sind der Motor, der das Rad des Samsara in Bewegung hält. Erst wenn diese Kraft nicht mehr in die Befriedigung der körperlichen Triebe, sondern in die Suche nach der göttlichen Quelle investiert wird, kehrt Ruhe ein und wird Erkenntnis des Göttlichen möglich. Paradoxer Weise ist das wirksamste Werkzeug hierfür die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau. Der Tantriker verleugnet seine sexuellen Begierden nicht, sondern lebt sie bewusst aus, um sie zu transzendieren und in der göttlichen Ekstase die Grenzen seiner Sinne und seines Körpers zu überschreiten und damit die Grenzen seines individuellen Ichs. Er weiß, dass die sexuelle Energie eine Form reiner göttlicher Energie ist. Er nutzt die körperliche Liebe als Vehikel, um die göttliche Liebe in sich und seinem Partner zu entfachen und das eigene Herz ebenso zu öffnen wie das Herz des anderen. Das ist die Erweckung der Kundalini, der Schlangenkraft, die zusammengerollt am Ende der Wirbelsäule ruht. Sie wird erweckt, wenn der Tantriker bereit ist, sein wahres Erbe anzutreten, wenn er bereit ist, Gott und die göttliche Liebe in sich selbst zu erkennen und zum göttlichen Gefäß zu werden. Er muss bereit sein das Individuelle dem Universellen zu opfern.
Quelle: Shambhala – Reise ins innerste Geheimnis
Der tantrische Pfad ist der Weg der schöpferischen wilden weiblichen Kraft. Das bedeutet die vollkommene Hingabe, das vollkommene Vertrauen ohne jeglichen Zweifel und am Ende des Prozesses, das vollkommene Erwachen ins Sein.